Samstag, 18. Dezember 2010

Christus Universalis

von Ludwig Pichler


Die innere Sehnsucht nach Wahrheit und Verständnis treibt uns beständig voran. So angetrieben und inspiriert stossen wir immer mehr auf die wackeligen Kartenhäuser orthodoxer Dogmatismen, die nur darauf warten mit der Puste der inneren Unterscheidungskraft umgeblasen zu werden, um so durch die Weisheit des Freien Geistes jene universelle Wahrheit ans Licht zu bringen, nach der sich diese unsere mitbrüderliche Menschheit so sehr sehnt und lechzt. Wir sehen an allen Ecken des Erdballs grosse Konflikte aufkommen durch das Fehlen an Einsicht und Verständnis der Wirkung und des Ursprungs der göttlichen Prinzipien im Kosmos und innerhalb von uns. Ist nun Allah grösser als Christus? Oder war Petrus ein getreuerer Prophet als Mohammed?



Wer die Universalität der Intelligenten Prinzipien der Natur erkennt, benötigt auf diese Fragen keine Antworten mehr – er würde vielmehr sagen: Allah ist Christus. Christus ist die Sonne. Die Sonne ist Allah. Allah ist in mir und Christus vereint alles. Du und ich, wir sind nicht getrennt voneinander, noch wärmen mich die Strahlen meiner Religion mehr als dich die der Deinen.

Und so studieren wir also den mystischen Christus, der genauso auch mystische Feuersonne oder mystischer Krishna heissen könnte, wir versuchen unseren Horizont so zu erweitern, bis dass wir einen objektiven Über-Blick erreicht haben, stets in der festen Überzeugung, dass ALLES einen gemeinsamen Ursprung hat, entsprungen von EINER höchsten Intelligenz, die eben für unser jetziges Da-Sein verantwortlich ist. Wir nähern uns diesem objektiven Blickwinkel in einem vergleichendem Esoterismus, einem tief ins innere Blicken der mystischen Traditionen und Kulturen weltweit.



Viele gute esoterische Autoren zeigten bereits auf, dass die Geschichte um Christus mehr als nur eine One-Man Show war, und Jesus mehr als nur eine rein historische Person. Der gnostische Esoterismus spricht von einem Christentum als von etwas weit transzendentalerem als das blinde agieren einer Schar von Lemmingen. Er lehrt von einen Kosmischen Christus, einem zyklisch-kosmischen Spektakel im grossen Kosmos mit der Fähigkeit zur Imitation und Nachfolge im kleinen Mikrokosmos Mensch – von der Möglichkeit, durch bewusste Anstrengung den Sonnenchristus in unserem Inneren gebären und erleuchten zu lassen, der Krönung des Christus Intimus und sogar von der Verwandlung in die Sonne selbst. Alles Mysterien die entdeckbar und vor allem erlebbar sind innerhalb des Einweihungsweges der intimen Selbstverwirklichung des Seins.

Die geschätzte Autorin Annie Besant schreibt dazu: „Der Sonnenmythos ist also eine Geschichte, die zunächst die Wirksamkeit des Logos oder „Wortes“ in dem Kosmos, in zweiter Linie das Leben einer Inkarnation des Logos, oder eines Seiner Gesandten darstellt. Der Held der Mythe wird gewöhnlich als ein Gott oder ein Halbgott geschildert, und muss für sein Leben dem Lauf der Sonne, als Schatten des Logos, als Umriss dienen. Der Teil des Umlaufs, der in dem Erdenleben zurückgelegt wird, ist der, welcher zwischen die Wintersonnenwende und die Erreichung des Zeniths im Sommer fällt. Der Held wird zur Wintersonnenwende geboren; er stirbt zur Frühlings-Tag- und Nachtgleiche und den Tod überwindend, steigt er auf zum mittleren Himmel.

Es wird immer zur Wintersonnenwende geboren, nach dem kürzesten Tage des Jahres, zur Mitternachtsstunde des 24. Dezembers, wenn das Zeichen der Jungfrau über dem Horizont emporsteigt; so wie er beim Emporsteigen dieses Zeichens geboren wird, so wird er auch immer von einer Jungfrau geboren, die nach der Geburt des Sonnenkindes noch Jungfrau ist, so wie die himmlische Virgo unverändert und unbefleckt bleibt, wenn die Sonne am Himmel aus ihr hervorgeht. Er ist schwach und zart, wie ein kleines Kind, und wird geboren, wenn die Tage am kürzesten und die Nächte am längsten sind  - wir befinden uns nördlich von dem Äquator - , ist während seiner Kindheit von Gefahren umgeben, und die Herrschaft der Finsternis dauert weit länger als seine eigene, während seiner frühesten Jugend. Aber er übersteht alle die drohenden Gefahren, und die Dauer des Tages nimmt immer mehr zu, je näher die Frühlings-Tag- und Nachtgleiche heranrückt, bis die Zeit kommt, wo die Sonne den ganzen Himmelsdom kreuzt, die Kreuzigung, deren Datum sich mit jedem Jahr ändert. Danach folgt seine triumphierende Auferstehung und seine Himmelfahrt, er lässt das Korn und die Trauben reifen und flößt ihnen sein eigenes Leben ein, um ihnen Substanz zu verleihen, und durch sie den Seinen. Der Gott, welcher beim Anbruch des 25. Dezembers geboren wird, wird bei jeder Frühlings-Tag- und Nachtgleiche gekreuzigt und gibt immer sein Leben den Seinen als Nahrung – dies die hervortretenden Kennzeichen des Sonnengottes.

Diese Ereignisse sind in den Lebensgeschichten der verschiedenen Sonnen-Götter wiedergegeben, und im Altertum finden wir eine Menge darauf bezügliche Bilder. Die ägyptische Isis war ebenso wie Maria zu Bethlehem unsere unbefleckte Frau, der Stern des Meeres {Stella Maris}, die Himmelskönigin, die Mutter Gottes. Wir erblicken sie auf Bildern auf dem Halbmond stehend und mit der Sternenkrone; oder sie hält ihr Kind Horus auf den Knien, und auf der Rückseite des Stuhles, auf dem er auf seiner Mutter Schoß sitzt, sieht man ein Kreuz. Die Virgo des Tierkreises wird auf alten Zeichnungen dargestellt als ein Weib, welches ein Kind säugt – das Vorbild aller späteren Madonnen mit ihrem göttlichen Kinde; man ersieht heraus, woher das Symbol stammt. Auch Devaki wird mit dem göttlichen Krishna in ihren Armen dargestellt, ebenso die Mylitta oder Istar der Babylonier mit der Sternenkrone und mit dem Kind Tammuz auf den Knien. Merkur und Äskulap, Bacchus und Herkules, Perseus und die Dioskuren, Mithra und Zarathustra, alle waren göttlicher und menschlicher Herkunft.

Auch der Zusammenhang der Wintersonnenwende mit Jesu ist bedeutsam. Die Geburt des Mithra wurde zur Wintersonnenwende mit großem Jubel gefeiert, und auch Horus wurde zu der Zeit geboren.

Wenden wir uns zu Buddha, so sehen wir, wie eine Mythe sich mit einer historischen Persönlichkeit verknüpft. Seine Lebensgeschichte ist wohl bekannt, und in den geläufigen indischen Berichten ist die Geburtsgeschichte einfach und menschlich. Doch in dem chinesischen Bericht wird er von einer Jungfrau geboren, Mayadevi, und die alte Mythe findet in Ihm einen neuen Helden.

Williamson sagt uns auch, dass auf den Hügeln der keltischen Volksstämme am 25. Dezember Feuer angezündet wurden und noch werden, und bei den irischen und schottischen Hochlandsbewohnern sind diese noch unter dem Namen Bheil oder Baaltinne bekannt, so dass also die Feuer den Namen des Bel, Bal oder Baal tragen, ihrer alten Gottheit, des Sonnen-Gottes, wenn sie auch jetzt Christo zu Ehren angezündet werden. (Ebenda, pp. 36. 37.)

In den Pseudo-Mysterien wurde die Geschichte des Sonnengottes dramatisch behandelt, doch in den alten Mysterien wurde sie von dem Initiierten selbst durchlebt. Daher rührt es, dass die Sonnen-„Mythen“ mit den großen Geheimnissen der Initiation verwoben wurden.

Diese Sonnenmythen, die sich im Lauf der Jahrhunderte immer wiederholen, bei jeder Wiederaufnahme mit einem anderen Namen für ihre Helden, müssen dem Forscher auffallen, obgleich sie natürlicher Weise mit Recht von dem Strenggläubigen unbeachtet bleiben; und wenn sie als Waffe gehandhabt werden, um die majestätische Gestalt Christi zu schädigen oder zu vernichten, muss man ihnen nicht durch Leugnung der Tatsachen entgegentreten, sondern durch Verständnis für die tiefere Bedeutung der Geschichten, für die geistigen Wahrheiten, welche durch die Legenden in verhüllter Weise dargestellt werden.“(Annie Besant – „Esoterisches Christentum“)




Dem ist also nicht mehr viel hinzuzufügen. Sich den Mysterien des Kosmischen Christus Universalis zu nähern, bedeutet sich seinem Christus Intimus zu nähern. Ein Anwenden der revolutionären und universellen gnostischen Techniken zum Erwecken des Bewusstseins, angetrieben durch die Liebe zu unserem inneren wahren Sein, ergibt die Geburt der Inneren Christussonne. Als Kind im unreinen Stall voller psychologischer Tiere geboren, wächst und gedeiht es, gestärkt durch die Brust der heiligen Mutter, zum erwachsenen Sonnenhelden heran. Bis schliesslich am Höhepunkt des Schauspiels das Göttliche sich vermenschlicht - der Mensch sich vergöttlicht und ein neuer authentischer Menschensohn die Welt mit seiner Nächstenliebe und Weisheit lehrt.  

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