Sonntag, 15. August 2010

Auszug aus „Jesus im Tempel von Heliopolis“ (P.D. Ouspensky) zum Thema Tod:


Jesus wurde verschiedenen Prüfungen unterzogen, unter anderem in der sogenannten „Kammer der Toten“.

„Und die Träger brachten den einzigen Sohn einer Witwe in die Kammer, um ihn einzubalsamieren. Die Mutter, kauerte weinend in nächster Nähe des Toten; ihr Schmerz war groß.
Und Jesus sprach: Gute Frau, trockne deine Tränen; was Du trauernd anhängst ist nichts anderes als ein leerstehendes Haus; dein Sohn befindet sich nicht mehr darin.
Du weinst, denn Dein Sohn ist Tod. Tod aber ist ein sehr hartes Wort, denn in Wahrheit kann dein Sohn niemals versterben.
Er hatte seine Berufung, seine Arbeit zu tun im fleischlichen Kleide. Er kam und machte seine Arbeit; danach legte er sein Fleisch zur Seite, er bedarf des Fleisches nun nicht mehr.

Weit hinaus, jenseits vom Horizont des menschlichen Blickes, hat er nun eine andere Arbeit zu erledigen, und er wird sie gut machen. Daraufhin wird er andere Berufungen bekommen und später wird er gekrönt von der Krone des vollkomenen Lebens.
Was dein Sohn nun gemacht hat, und alles was er noch zu machen vor sich hat, all das müssen auch wir tun.
Nun gut, wenn du den Schmerz beherbergst und deine Trauer zum Ausdruck bringst, so wird diese von Tag zu Tag nur grösser. Die Trauer wird dein eigenes Leben verschlingen, bis letztlich Du selbst nicht mehr sein wirst als in Tränen aufgelöster Schmerz.

Anstatt deinem Sohne zu helfen, verletzt du deinen Sohn mit deinem tiefen Schmerz. Er versucht dich zu trösten und aufzuheitern, so wie er es immer getan hat. Er ist glücklich wenn auch du glücklich bist, ist traurig wenn auch du dich dem Schmerz hingibst.
Erkenne und begrabe deinen Kummer und lächle dem Schmerz zu; denke nicht an dich selbst, sondern hilf anderen ihre Tränen abzutrocknen.
Mit der erfüllten Pflicht kommt die Glückseligkeit und die Freude, und die Freude selbst tröstet und stärkt all jene, die dieses Leben verliessen.
Die tränende Frau drehte sich also um und ging fort, um nun die Freude am selbstlosen Dienen für Andere wiederzufinden.

Also kamen andere Träger und brachten den Körper einer Mutter in die Kammer der Toten; und nur eine Trauernde folgte nach. Es war ein Mädchen von zartem Kindesalter.

Und als die Gefolgschaft sich der Türe näherte, da beobachtete das Mädchen einen verletzten Vogel, der verzweifelt um sein Leben kämpfte. Der Pfeil eines grausamen Jägers hatte seine Brust durchbohrt.

Und das Mädchen hörte auf der Mutter zu folgen und eilte dem Vogel zu Hilfe der noch lebte.
Mit Zärtlichkeit und Liebe drückte sie den verletzten Vogel an ihre Brust. Danach eilte sie schnellstens wieder zurück zum Platz am Körper ihrer Mutter.
Und Jesus sagte: „Wieso verlässt du deine tote Mutter um einen verletzten Vogel zu retten?
Das Mädchen erwiderte: „dieser Körper ohne Leben, benötigt keinerlei Hilfe von mir; vielmehr aber kann ich jenem helfen, in dem das Leben noch pulsiert. Meine Mutter selbst hat mir das gelehrt.

Meine Mutter lehrte mich, das die egoistische Liebe und Schmerz, so wie die Wünsche und Ängste, nur Spiegelbilder unseres niederen Ichs sind.

Sie alle sind vergänglich, sie alle sind unwirklich und nur Illusion. Die Tränen spriessen aus den Herzen des Fleisches; der reine Geist aber, unser wahrer Spirit weint niemals.“

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