»Was ist das Wesentliche der Gnosis? Was ist das Wesentliche ihres Zieles und ihrer Methode?« Das Wesentliche der Gnosis ist folgendes: Einerseits geht sie davon aus, dass die All-Offenbarung sich durch eine Vielheit von Lichtstrahlungen verwirklicht, und andererseits vertraut sie auf die Tatsache, dass der Mensch ein lichtempfängliches Wesen ist.
Mit der Andeutung »Licht«, die wir aus der Gnosis und Bibel kennen, ist eine Vielfalt elektro-magnetischer und radioaktiver Strahlungen, Strömungen und Felder gemeint, die allgegenwärtig sind, wie jeder moderne Mensch weiß, und die der Instandhaltung des Menschen und alles erschaffenen Lebens dienen. Darum bleibt der Gnostiker nicht stehen beim erwägenden, bespiegelnden und stets nur suchenden Denken über den Ursprung aller Erscheinungen und Entwicklungen, sondern er richtet sich auf das aktuelle, absolute Jetzt des Lichtes in seiner ganzen Ausbreitung.
Das Licht ist für ihn der Sohn der unkennbaren Gottheit (Agnostos Theos), der Erklärer, der Offenbarer und auch die Liebe selbst, die sich opfert und gefangen gibt. Darauf bezieht sich das gesamte Christus-Epos. Der Gnostiker verweilt nicht bei einer historischen Erscheinung. Es kümmert ihn nicht, wenn Menschen und Gruppen stets darüber diskutieren und sich fragen, auf welche Weise sich die historischen Erscheinungen vollzogen haben. Denn der Sohn des Logos ist für ihn schon lange zurückgekehrt. Arm ist der Mensch, für den der Sohn durch eine gedruckte Schrift sprechen muß. Und bettelarm ist der Mensch, der nur den Inhalt seines Bücherschrankes besitzt und daraus lebt.
Das Leben des Menschen in all seinen Auf- und Niedergängen ist allein aus den Lichtkräften zu erklären, die sich in diesem Moment um ihn bemühen. Seine Schwierigkeiten entstehen nicht in erster Linie aus seinem Verhältnis zu seinen Mitmenschen, zur Gesellschaft oder zum Leben im Allgemeinen. Sie sind ausschließlich die Folge eines Einflusses, den eine bestimmte Gruppe elektro-magnetischer, radioaktiver Strahlungen, Strömungen und Felder auf ihn ausübt. Daraus sind seine Situationen und Abenteuer zu erklären.
Wenn seine Lichtverbindungen auf einer höheren Ebene lägen, so entdeckt der Gnostiker, würden all seine augenblicklichen Begrenzungen wegfallen. Er würde dem Spannungsfeld, aus dem alle dialektischen Erscheinungen zu erklären sind, entsteigen, und gleichsam in eine neue Welt eintreten. Wie durch eine Tür würde er in ein ganz neues Spannungsfeld gehen. Der Eintritt durch diese Tür bedeutet für den Gnostiker das Finden des Christus. Das Suchen dieser Tür, dieser neuen Lichtpforte kann und darf jedoch niemals nur ein mystisches Streben und Reden sein. Mit seinem natur-mystischen Verhalten bleibt der Mensch stets derselbe, der er immer gewesen ist. Nein, das Suchen nach der einen Tür in dem Sinn, dass man in einer anderen, nicht-dialektischen Lichtwirklichkeit aufgehen will, bedeutet sich täglich auszurichten auf einen Pfad, den man gehen muß, sich ihm dynamisch zu weihen, ihn wirklich zu gehen.
Ziel und Methode der Gnosis sprechen in diesem Zusammenhang eine deutliche Sprache. Das Wesentliche der Gnosis ist das Licht, so erklärten wir. Das Licht ist der Sohn der ewigen Gottheit. Das Licht ist der Vermittler eines neuen Bundes. Das magnetische Licht ist für uns der Heiland.
Da der Mensch ein lichtempfängliches Wesen ist, und er durch sein natürliches Absorbationsvermögen von dreizehnfacher Art die Anwesenheit des Lichtes erkennt, fühlt er sich im Lichtfeld der Todesnatur unglücklich und nicht heimisch. Durch den Schmerz der Zeiträumlichkeit gegeißelt, im Bewusstsein dieser Armut und des Elends unserer steinharten Wirklichkeit gerät er in einen neuen Zustand des Verlangens.
Diese Sehnsucht ist ein Bitte, ein Schrei der Seele nach neuem, anderem Licht, das Suchen nach der einen Tür zum höheren Lichtfeld. Und durch sein biologisches Absorptionsvermögen wird dieser Mensch den Ruf, die Handreichnug dieses höheren Lichtfeldes erfahren. Ja, ehe er sich seiner Sehnsucht bewusst wird, hat das Licht ihn bereits gerufen.
Von einem höheren Lichtfeld gerufen zu werden, weil der Mensch durch sein natürliches Absorptionsvermögen dieses Licht anzog, bedeutet aber noch nicht, in diesm höheren Lichtfeld zu leben. Dazu muss der Mensch einen Weg gehen, einen Weg der Abkehr von der alten Natur und einen Weg der Hinwendung zur neuen Natur. Das ist ein Prozess der Transmutation. Diese Transmutation ist die primäre Offenbarung und Verwirklichung des heiligenden, heilenden Geistes, des wiedergebärenden Geistes des neuen Lichtfeldes. Auf diesem Weg zu stehen, ist die absolute Forderung. Das muss der Mensch jeden Tag durch das tägliche Sterben seiner alten Natur nach und das tägliche Neu-geboren-werden seiner neuen Natur nach beweisen.
Wer das nicht unternimmt, nicht durchsetzt, gehört nicht in eine gnostische Geistesschule. So einer ist entweder zufällig oder durch familiäre Bindungen in diese Schule geraten. Ein solcher Mensch kennt die Sehnsucht, den Schrei der Seele noch nicht. Er ist daher noch kein vom Licht Gerufener, kein Gezeichneter, kein Prädisponierter.
Wer das Licht sucht, wird es finden und muss mit diesem Licht und in diesem Licht wandeln, damit er durch das Licht verändert wird. Durch diese gnostische Ausrichtung mit allen Konzequenzen und Erfahrungen wird der Mensch wahrlich zu einer Pistis Sophia, in der alle Ichausrichtung und aller Wahn sowie jede Spiegelsphären-Halluzination ausgebrannt sind. Denn die Gnosis fordert eine konsequente, streng durchgeführte Ausrichtung auf das Licht, ausschließlichen Gehorsam gegenüber dem Aufgang in das Licht und stellt daher jeden Menschen und jede Erscheinung in der Schöpfung in den Hintergrund.
Die Gnosis wünscht weder Anbetung noch Verehrung von Göttern und Menschen. Sie will keine einzige Wesenheit zwischen das Licht und den Menschen stellen, der das Licht sucht, wenn auch viele Entitäten zweifellos Ihre Verehrung und Dankbarkeit verdienen. Aber Sie müssen diese Verehrung und Dankbarkeit dann durch das Gehen des Pfades zeigen. Da ist das Licht, und da sind Sie. Dazwischen steht niemand. Und die Diener des Lichtes werden sich niemals in den Vordergrund stellen oder etwas von dem Kanditaten fordern. Sie strahlen nur das Licht aus, soweit es in ihnen frei werden kann. Dann können sie ihren Mitmenschen mit dem Licht dienen, damit zwischen ihnen und dem Licht nicht ist, das sie hindern könnte, den Pfad zu gehen.
Sie entwickeln den einfachen Weg für die sich Sehnenden. Aber keiner von ihnen wird zu seinen Mitmenschen sagen: »Blicket auf mich!«
Das Licht scheint für alle, und zwar absolut unpersönlich. Wer das Licht sucht und es in Tat und Wahrheit beantwortet, in dem wird das Licht frei. Und das bedeutet, aller Dialektik nach zu sterben.
Darum sagt Jesus der Christus "Niemand kann zwei Herren dienen". Matthäus 6
Textauszug des Buches „Die gnostischen Mysterien der Pistis Sophia“ von Jan van Rijckenborgh

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